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Tamara Danz
SILLY 1995 Foto: Jim Rakete
Tamara Danz


1978 wurde an einem Biertisch im Prenzlauer Berg die Familie Silly gegründet. Die Kapelle spielte Cover-Versionen und tingelte durch Bars und Vergnügungslokale. Familie Silly sorgte überall für gute Laune, die Band unterhielt bis zur Schwarzmeerküste das Publikum mit nachgespielten Hits. Bald entstanden auch erste eigene Songs. Zum eigenen Erstaunen entwickelte sich dabei ausgerechnet "Der letzte Kunde" zum ersten großen Hit.

Inzwischen gehörte ein Westberliner Plattenproduzent zum Familie-Silly-Kreis, der ganz dringend etwas machen wollte, was die einzige Plattenfirma der DDR bis dahin so standhaft verweigerte: eine LP. So brachte Familie Silly 1981 ihre erste Platte zunächst in der Bundesrepublik heraus. Nachdem "Tanzt keiner Boogie" bei der Westberliner Hansa-Musik veröffentlicht wurde, kam der DDR-Plattenmonopolist AMIGA in Zugzwang. Wenig später erschien die LP auch auf dem DDR-Label.

Nach dem ersten Erfolg überraschte Silly wieder – und setzte unerwartet auf Anspruch. Mit Mont Klamott legte die Band 1983 plötzlich ein kultiviertes, ästhetisches und profiliertes Album vor, das zur Platte des Jahres gewählt wurde. Und mit Werner Karma engagierte sie einen der wenigen Texter, der die Provokation nicht als Attitüde benutzte, sondern als Anliegen begriff. Karma stand für Bewusstseinserweiterung und Silly wurde eine Offenbarung. Die Band hat mehr gekonnt als sie durfte und mehr gewollt als sie musste.

1985 erschien "Liebeswalzer" (wieder "Platte des Jahres") und 1986 wurde "Bataillon damour" als erfolgreichstes Album in den Medien gekürt.

Silly war ein Versprechen, von dem man hoffte, dass es gehalten wird.

Tatsächlich war die Band nicht nur populär, sondern auch privilegiert. Denn sie hatte das Privileg, Dinge nicht nur zu durchschauen, sondern auch mit ihnen umzugehen. Sie konnte kritisch bleiben und musste sich nicht weichspülen. Sie erhob die Wirklichkeit zum Etikett. Silly hatte sich mit Musikern wie Ritchie Barton (Keyboards, 1982), Herbert Junck (Drums, 1984) Uwe Hassbecker (Gitarre/Violine, 1986) und Jäcki Reznicek (Bass, 1986) rundum erneuert. Silly war etwas Eigenes und strahlte jene Würde aus, die der DDR nie gegeben war. "Februar" war 1989 das letzte Album der Band (ebenfalls LP des Jahres), das in der DDR erschien. Das letzte, in dem die kunstvoll arrangierten Silly-Aufnahmen noch als "Hörspiele der anderen DDR" galten. Dann kam die Wende und mit ihr eine wesentliche Erfahrung: die Zensur der Kulturpolitik wurde nun durch die Zensur der Marktwirtschaft ersetzt.

Silly produzierte 1990 drei Titel für die BMG, die die Plattenfirma jedoch ins unerträglich Seichte bearbeitet haben wollte. Silly lehnte dies ab. Es gab seitens der BMG keinen Ehrgeiz, problembewusst oder wenigstens lakonisch an die Menschen heranzutreten. Die Band, die ihre Kraft ohnehin aus den Kränkungen der Gegenwart bezog, orientierte sich nicht an kommerziellen Ambitionen, verteidigte stattdessen ihren inhaltlichen Anspruch, verließ die BMG und sich schließlich nur noch auf sich selbst.

1993 bewies das Album "Hurensöhne" dann auch, wie authentisch Silly geblieben war. Es gab keinen Grund, sich Trends zu unterwerfen. Keinen Grund, das Publikum zu unterschätzen. Dafür gab es Respekt. Die Band kam sich nicht abhanden – allen voran Tamara Danz, die nicht nur das Gesicht, sondern auch der Geist von Silly war. Oft war sie ihrer Zeit voraus, gern ging sie unkonventionelle Wege und immer bündelte sie die Energien. Sie war der Motor, stieß Vorhaben an und lenkte zum Ziel. Tamara war nicht nur öffentliche Vordenkerin, sondern auch eigenes Kreativlabor.

Während es bei Februar noch eine Gemeinschaftsarbeit mit Gundermann war, schrieb sie seit "Hurensöhne" die Texte selbst. Mit der letzten Neuveröffentlichung 1996, "Paradies", legte die Band Ihr wahrscheinlich emotionalstes Album vor. Silly fand sich mit diesem Album in den höheren Regionen der deutschen Charts wieder. Diese verstärkte Aufmerksamkeit (noch höhere Platzierungen erreichten danach ihre beiden Best-Of-Compilations) war allerdings auch einem tragischen Umstand geschuldet. Tamara, die immer neue Grenzen überwand, starb am 22. Juli 1996 .

"Hängt nicht rum, geht auf die Bühne", das war ein Schlachtruf der Frontfrau. Deshalb gibt es Silly heute noch – auch wenn ein weiterer Schicksalsschlag die Musiker traf: Der Schlagzeuger Herbert Junck starb am 31.5.2005 - just zu einem Zeitpunkt als sich die Musiker endlich entschlossen hatten, wieder als Silly auf die Bühne zu gehen.

Im Sommer 2005 war es dann soweit. Nach fast 10 Jahren Pause gingen Ritchie Barton, Uwe Hassbecker und Jäcki Reznicek mit dem Projekt "Silly & Gäste" wieder live auf Tour. Verstärkt wurde die Band durch die Söhne Basti Reznicek (Drums) und Daniel Hassbecker (Keyboards/ Cello), sowie den Rockhaus-Gitarristen Reinhard Petereit. Einer der Höhepunkte dieses Neubeginns war das Konzert im Berliner Tempodrom mit Toni Krahl, Stefanie und Thomas von Silbermond, Kati Karrenbauer, IC Falkenberg und Anja Krabbe als Gästen. Der Live-Mitschnitt auf Doppel-CD und DVD belegt dies in eindrucksvoller Weise.

Im Dezember 2005 wurden die Sillys auf die Schauspielerin und Sängerin Anna Loos aufmerksam und luden sie zu Proben in ihr Studio ein. Seitens Anna war es nicht nur Liebe auf den ersten Blick, sondern die unvergessliche Jugenderinnerung einer Dreizehnjährigen, die Tamara Danz und Silly zum ersten Mal in ihrer damaligen Heimatstadt Brandenburg live erlebte. Dieser Eindruck und das Hören der LPs im Elternhaus waren so nachhaltig, dass sich schon bei den ersten Proben eine ungewöhnliche Vertrautheit, eine Art Seelenverwandtschaft einstellte.
Nun stehen sie gemeinsam auf der Bühne eine Geschichte, die fast nach Schicksal klingt.

Silly ist bis heute ein Markenzeichen, das für Qualität steht. Ein Maß, an dem sich nicht jeder messen kann. Ein Versprechen, das gehalten wird.
An einem Biertisch in Prenzlauer Berg fing alles an.


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